55 Megawatt zusätzliche Erzeugungskapazität für Wasserstoff in Baden-Württemberg
Grüner und kohlenstoffarmer Wasserstoff wird in Industrie, Energiewirtschaft und Mobilität nach wie vor eine wichtige Rolle einnehmen, wo direkte Stromnutzung und Alternativen nicht praktikabel sind. Dennoch steht der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Baden-Württemberg vor zentralen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Herausforderungen. Während Infrastruktur langfristig geplant und finanziert werden muss, agieren Abnehmer vergleichsweise kurzfristig. Gleichzeitig müssen die Kosten für grünen Wasserstoff mittel- und langfristig mit anderen Optionen zur Dekarbonisierung von Industrie und Mobilität konkurrieren können.
Die langfristigen Produktionskosten für erneuerbaren Wasserstoff könnten perspektivisch bei etwa 3 bis 5 Euro pro Kilogramm liegen, doch die realen Kosten heutiger Projekte bewegen sich häufig noch bei rund 10 Euro pro Kilogramm. Im Auftrag der Landesagentur e-mobil BW hat ein Autorenteam der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH und des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) die vielfältigen Einflussfaktoren auf die Wasserstofferzeugungskosten analysiert und den aktuellen Wissensstand zu Bedarfen, Importkorridoren, Versorgungsoptionen und Zahlungsbereitschaft für Wasserstoff in Baden-Württemberg zusammengetragen. Heute (26.2.2026) wurde diese Faktenbasis und Parameteranalyse erstmals im Rahmen einer Fachveranstaltung der durch e-mobil BW koordinierten Plattform H2BW vorgestellt.
„Nur mit einer aktuellen und umfassenden Wissensbasis über Fakten und dem gemeinsamen Verständnis über die komplexen Zusammenhänge der Wasserstoffwirtschaft können wir eine sichere und wettbewerbsfähige Wasserstoffversorgung für Baden-Württemberg erfolgreich gestalten“, sagte Isabell Knüttgen, Leiterin der Plattform H2BW. Mit der aktuellen Studie trage man dazu bei, das vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg im vergangenen Jahr vorgestellte Wasserstoffversorgungskonzept umzusetzen und noch bestehende Hemmnisse zu überwinden.
Die Studie „Fakten und Parameteranalyse zur Wasserstoffversorgung Baden-Württembergs“ kann kostenlos unter www.e-mobilbw.de/service/publikationen heruntergeladen werden.
Wasserstoffbedarf kann langfristig ansteigen – abhängig vom Preisniveau: Aktuelle Bedarfsabfragen bei potenziellen künftigen Wasserstoffanwendern zeigen, dass die Nachfrage in Baden-Württemberg mittel- bis langfristig deutlich ansteigen könnte. Die Höhe des künftigen Niveaus lässt sich aus heutiger Sicht jedoch nicht verlässlich bestimmen, da der Einsatz von Wasserstoff maßgeblich vom Preisniveau sowie von der Verfügbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit alternativer Technologien abhängt. Als Potenzialobergrenze wurden etwa 23 Terawattstunden (TWh) Wasserstoffbedarf für 2030 und rund 90 TWh für 2040 ermittelt.
Nur begrenzte Wasserstoffeigenerzeugung im Land möglich – zusätzliche 55 Megawatt (MW) Elektrolysekapazität in Planung, um Potenzial auszuschöpfen: Derzeit erfolgt die Versorgung nahezu ausschließlich über dezentrale Elektrolyseure sowie per Traileranlieferung. Mehrere Projekte im ein- bis zweistelligen Megawattbereich sind in Betrieb oder im Bau. Ein Landesförderprogramm wird kurzfristig zusätzliche 55 MW Elektrolysekapazität ermöglichen. Studien sehen insbesondere Potenziale für lokale Elektrolyseure im Leistungsbereich von 5 bis 20 MW sowie darüber hinaus. Dennoch wird Baden-Württemberg – analog zur bundesweiten Entwicklung – langfristig einen erheblichen Teil seines Bedarfs importieren müssen. Für Deutschland wird ein Importanteil von 50 bis 70 Prozent erwartet, ein vergleichbarer Wert gilt auch für das Land.
Internationale Produktionsstandorte gewinnen an Bedeutung: Innerhalb Europas drohen die Ausbauziele der Europäischen Union (EU) deutlich verfehlt zu werden. Die EU hatte sich im Rahmen des Europäische Union-Ziels von 40 Gigawatt Elektrolysekapazität bis 2030 ambitionierte Vorgaben gesetzt. Tatsächlich sind bislang nur geringe Kapazitäten installiert. Der Ausbau konzentriert sich vor allem auf Deutschland, Spanien, die Niederlande, Dänemark und Schweden.
Großes Potenzial bieten nordafrikanische Staaten wie Tunesien und Algerien mit sehr guten Bedingungen für erneuerbare Energien. Weltweit entstehen exportorientierte Projekte unter anderem in Australien, der MENA-Region, Südamerika und Kanada. Neben grünem Wasserstoff spielt auch sogenannter blauer Wasserstoff – etwa in den Niederlanden, Großbritannien, den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten – eine ergänzende Rolle.
Pipelinekorridore als Rückgrat der künftigen Versorgung: Sie stellen künftig das zentrale Element der europäischen Wasserstoffversorgung dar. Besonders weit fortgeschritten sind drei Projekte:
Südlicher Korridor (SoutH2): Verbindung von Nordafrika über Italien und Österreich nach Deutschland; Inbetriebnahme ab 2030 angestrebt.
Südwestlicher Korridor (H2Med): Pipeline von der iberischen Halbinsel über Frankreich nach Deutschland; geplant ab 2032.
Nordseekorridor: Anbindung der Nordseeanrainerstaaten an Deutschland; erste Verbindungen erscheinen ab 2031 realistisch.
Weitere Korridore gelten als langfristige Optionen. Insgesamt ist jedoch bei mehreren Projekten mit Verzögerungen zu rechnen.
470 Kilometer Wasserstoffleitungen im Land vorgesehen: Grundlage der künftigen Versorgung ist das deutsche Wasserstoffkernnetz. Für Baden-Württemberg sind rund 470 Kilometer Leitungsinfrastruktur geplant. Zentrale Bausteine sind:
SEL (Süddeutsche Erdgasleitung) mit 258 km als Rückgrat für Rhein-Neckar, Stuttgart und Ostwürttemberg (Inbetriebnahme ab 2030),
FLOW/H2ercules zur Erschließung des Raums Karlsruhe,
RHYn Interco zur Anbindung über Frankreich mit Fokus auf die Region Freiburg,
sowie Projekte am Hochrhein und im Raum Lindau.
Da große Teile des Landes zunächst nicht direkt an das Kernnetz angeschlossen sein werden, gewinnt der Aufbau regionaler Wasserstoffverteilnetze zusätzlich an Bedeutung. Hier besteht jedoch noch regulatorischer Klärungsbedarf.
Maritime Importe und Derivate ergänzen Pipelineversorgung: Für globale Lieferketten spielt Ammoniak als Wasserstoffträger eine zentrale Rolle. Der Import per Schiff und die anschließende Rückumwandlung („Cracken“) sind technisch möglich, jedoch mit zusätzlichen Kosten verbunden. Für Baden-Württemberg werden Ammoniakimporte daher voraussichtlich eine ergänzende Rolle spielen. Größere Bedeutung kommt Ammoniak und weiteren Derivaten wie Methanol insbesondere als Rohstoffe in der Chemie- und Raffinerieindustrie zu.
Wirtschaftliche Lücke bleibt Herausforderung und hängt von vielen Parametern ab: Die Produktionskosten von erneuerbarem Wasserstoff aus Elektrolyse hängen von vielen Parametern ab, insbesondere von Strompreisen, Kapazitätsfaktoren, Investitionskosten und Finanzierungskonditionen. Gleichzeitig können auch Erlösoptionen eine relevante Rolle spielen. Für Deutschland und Baden-Württemberg werden in Studien langfristig Produktionskosten von etwa 3 bis 5 €/kg unter idealisierten Bedingungen genannt. Heute liegen die Kosten realer Projekte häufig bei rund 10 €/kg. Zusätzliche Erlösoptionen (z. B. Regelleistung, THG-Quoten, Abwärmenutzung) sowie regulatorische Vorgaben, Steuern, Abgaben und Gebühren beeinflussen die Wirtschaftlichkeit wesentlich.
Importe per Pipeline aus Europa oder Nordafrika könnten in den 2030er Jahren bei etwa 3 bis 6 €/kg liegen. Schiffbasierte Ammoniakimporte aus weiter entfernten Regionen werden mit 5 bis 9 €/kg eingeschätzt. Gleichzeitig liegt die Zahlungsbereitschaft vieler potenzieller Abnehmer derzeit deutlich unter diesen Kosten.
Förderprogramme auf europäischer, nationaler und Landesebene unterstützen Investitions- und Betriebskosten. Dennoch bleiben Investitionsentscheidungen anspruchsvoll, und nicht alle Projekte gelangen trotz Förderzusagen zur Umsetzung.
